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Monika Sturmer

Techno-Z Verbund GmbH

Kommunikation. Im Techno-Z-Blog schreibe ich über Themen rund um den Technologie- und Wirtschaftsstandort Techno-Z.

 

Erzabt Korbinian Birnbacher: Wir sind Ichlinge

Dr. Korbinian Birnbacher OSB ist seit über einem Jahr Erzabt des seit 696 bestehenden Stiftes St. Peter in Salzburg und steht somit auch dem wahrscheinlich ältesten Betrieb Salzburgs vor.  Im Interview geht es u.a. um benediktinische Grundsätze, Wege aus der Wirtschaftskrise, Arme als Maßstab der Gesellschaft  und um seinen persönlichen Weihnachtswunsch.

Sie sind aus Anger in Bayern. Wie sind Sie nach Salzburg gekommen?
1987 stand ich vor der Wahl zwischen der Abtei St. Bonifaz in München und dem Stift St. Peter in Salzburg. Warum es St. Peter geworden ist, kann ich nicht genau sagen. Das ist wie bei einer Liebesbeziehung. Letztlich auch das Zeichen für Berufung. Da ich nach 27 Jahren immer noch da bin, muss es eine richtige Entscheidung gewesen sein. Obwohl ich fast jedes Jahr einmal ausgetreten wäre.

Aus welchem Grund?
Genau wie in einer Ehe ist das Kloster eine Lebensgemeinschaft, die auf Dauer angelegt ist und das verträgt die heutige Zeit nicht mehr ganz so. Auf der einen Seite wird es sehr bewundert, wenn es einem gelingt. In Wertestudien von jungen Menschen wird als erstes immer die Treue genannt. Oft müssen wir aber auch erleben, dass Treue verraten wird oder einfach nicht gelingt. Die Kirche war da immer unbarmherzig. Es hat zur Folge, dass sich weite Teile dieser Gesellschaft von der Kirche entfernt haben. Aber selbst der Papst denkt jetzt anders.

Erzabtei St. Peter in Salzburg

Die benediktinische Regel lautet ora et labora. Was braucht es noch, wenn man als Abt dem ältesten Kloster im deutschen Sprachraum vorsteht?
Benedikt hat es nie so formuliert und eigentlich stimmt es nicht ganz. Benedikt hat den Tagesablauf der Mönche dreigeteilt. Ora et lege et labora. In der Mitte zwischen arbeite und bete ist das und lies. Lesen, sich Fortbilden und Meditieren gehört dazu. Das ist aus meiner Sicht auch das Geheimnis, warum es die Benediktiner immer noch gibt, warum diese Regel nach 1500 Jahren immer noch sehr aktuell ist und in der modernen Managementtheorie und Praxis umgesetzt wird.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Dr. Johannes Eckert, Abt von St. Bonifaz hat vor 15 Jahren in seine Dissertation für BMW Unternehmenskultur und Ordensspiritualität verglichen. Das war ein wichtiger Beitrag. Von Zeit zu Zeit begleite ich gestresste Manager und ermögliche eine Auszeit in klösterlichem Rahmen. Benedikt versuchte in seiner Regel das richtige Maß zu vermitteln, nicht zu viel, nicht zu wenig, auf Schwache zu achten und mit den Schwächen der Menschen zu rechnen. Das ist, was viele oft unter dem Druck der ständigen Effizienz völlig vergessen: Ich muss immer auch die Schwachen auf meiner Reise, in meinem Unternehmen mitnehmen. Für Benedikt waren Arme und Kranke ein Maßstab. Genauso wie die Jüngsten, die vielleicht die Funktion haben, unangenehme Wahrheiten ins Wort zu bringen. Diesen bewussten Blick von außen halte ich für einen ganz wesentlichen Teil des Erfolges der Benediktsregel.

Papst Benedikt hat 2009 den Werteverfall des ungebremsten ökonomischen Liberalismus scharf verurteilt. Welche christlichen Werte könnten wir in die Wirtschaft hineinnehmen, als Weg aus der Krise?
Es sind ganz allgemein gültige Werte, die ich auch in der Benediktsregel finde. Wichtig ist das Subsidiaritätsprinzip, dass man sich gegenseitig stützt. Unsere Betriebe laufen auch nicht alle gleichzeitig gut. Von der Land- und Forstwirtschaft könnten wir heute nicht mehr leben, aber wir halten sie trotzdem, weil sich die Zeiten wieder ändern könnten und man auf diese Weise auch Arbeitsplätze erhält. In unserer Mühle sind wir, entgegen dem herrschenden Druck nicht gewachsen, sondern haben uns auf das Kleine beschränkt und mit unserer Qualität eine Marktnische gefunden. Es geht nicht immer um die Gier des Mehrverdienens, sondern um das rechte Maß.

Das Familienmodell ist ein gutes Modell, an dem auch die Kirche festhält. Das Wesentliche ist, dass man sich generationenübergreifend stützen und fördern muss. Das sehe ich heute über weite Strecken nicht. Da sind wir alle Ichlinge, jeder denkt nur an sich, die anderen sind egal. Bis einmal der Zeitpunkt kommt, an dem man nicht mehr schön und toll ist, sondern alt und gebrechlich. Es kann nicht der Ausweg sein, jene die nicht mehr produktiv sein können, wegzurationalisieren. Viele ältere Menschen haben heute das Gefühl, eine Last zu sein. Sie wollen niemandem mehr zur Last fallen und bitten um einen assistierten Selbstmord. Da sind wir in Welten, die mit unseren christlichen Wertevorstellungen und unserem Menschenbild nichts mehr zu tun haben.
Benedikt hat einen ganz klaren Blick auf den Menschen. Nicht nur auf den starken, den produzierenden und interessanten Menschen, sondern gerade auch auf den unterschätzten Menschen, den Schwachen, den Stillen. Das sind ganz wichtige Rollen. Man macht die Welt nicht besser, wenn man nur auf die lautesten Schreier hört. Sondern man muss im positiven Sinne eine Menschenkenntnis haben, und das hat Benedikt für mich. Das hat auch der gegenwärtige Papst.

In Deutschland gibt es mehr christliche Unternehmerverbände als in Österreich. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Als gewesener Deutscher darf ich das sagen: Ich glaube die Deutschen haben einen deutlicheren Hang zum Organisieren, zum Strukturieren und für Institutionen. Ob es die Wirklichkeit widerspiegelt, da wäre ich vorsichtig. Es gibt bewusst christliche Unternehmer in Österreich. Das habe ich immer wieder erlebt. Sie sind halt keine Vereinsmeier. Bei dieser Frage geht es für mich nicht um das Organisatorische, sondern um das Sein und das Tun. Der heutige Mensch neigt dazu, den Wertekodex völlig auszublenden. Da gibt es von Montag bis Freitag knallharte Unternehmer, die vielleicht am Wochenende brave Kirchgänger sind. Das merkt man ja auch bei den christlich-sozialen Parteien, dass ein gewisser Heilsegoismus dahintersteckt.

„Es tobt der Advent“ ist ein Ausspruch von Ihnen. Haben Sie ein Rezept, wie man die Adventszeit entschleunigen kann?
Es ist so, dass man so kurz vorm Ziel noch vieles erledigen will und sich einem unglaublichen Druck aussetzt. Auch wenn es positiv gemeint ist. Im Advent soll man eher Dinge weglassen. Es ist von der Idee her eine Fastenzeit, eine Vorbereitungszeit, wo man sich aller Gewohnheiten und der Betriebsblindheiten entledigen soll, um sich auf sich selbst zu konzentrieren. Grad da ist es wichtig, nicht alle Termine anzunehmen und kein schlechtes Gewissen dabei zu haben. Mir gibt das innere Ruhe, Gelassenheit und Kraft.

Wie feiern Sie Weihnachten?
Für mich bedeutet Weihnachten in erster Linie Dienst. Schöner Dienst. Im Stift ist es sehr stimmungsvoll. Beim Abendessen schalten wir das elektrische Licht aus. Wir haben nur Kerzen. Ein Mitbruder wärmt die Suppe auf, die vorbereitet ist. Danach sind die meisten von uns in seelsorgerischem Einsatz. Aber es ist so, dass da ein gewisser Friede da ist. Und das nehme ich als Geschenk an.

Welchen Weihnachtswunsch haben Sie?
Ich wünsche mir, dass dort, wo wir helfen können, es uns auch gelingen darf. Behörden oder aufgehetzte Leute sind wie Knüppel zwischen die Beine, gerade in der Flüchtlings- und Bettlerfrage. Es ist schlimm, dass Leute herzzerreißende Weihnachtslieder von der Herbergsuche singen, und wenn wirklich ein Hilfesuchender vor ihrer Tür steht, so eine Feindseligkeit da ist. Heute sind es in erster Linie Flüchtlinge oder Armutsmigranten. Die nehmen uns nichts weg, die sind in ihre Not gezwungen.

Die klassichen Texte des Christentums sind so aktuell wie vor über 2000 Jahren. Besonders was den Blick auf den Armen betrifft. Z.B. die Bergpredigt oder jetzt im Advent die Texte des Propheten Jesaja. Man soll nicht nur vom Augenschein und Hörensagen urteilen, sondern von der unmittelbaren Begegnung mit dem Menschen. Dem müssen wir uns stellen. Im Advent ist die Wachsamkeit ein wichtiges Thema. Wo ist ein Mensch heute noch wachsam? Wir haben alles ausgelagert. Wir haben Alarmanlagen, wir haben Sprenkelanlagen, wir haben Rauchmelder, wir haben Lebensversicherungen, für alles, das ist Auslagerung von Wachsamkeit. Hinter der Wachsamkeit steht ja ein Engagement, hinter der ich als Person ganz stehe. Natürlich soll etwas arbeitsteilig sein, sinnvoll und effizient. Aber nicht, dass ich einfach sage, das geht mich nichts mehr an, dafür bin ich versichert oder ich geb‘ jetzt dem Bettler nichts mehr, ich zahl eh so viele Sozialabgaben.

Dieser unmittelbare menschliche Bezug, diese Konfrontation mit der Tatsächlichkeit, das fehlt uns heute. Da hab ich es im Kloster leichter, da hab ich die Chance noch. Das ist so ein Generalunternehmen, in dem alles drin ist.

Die Wirklichkeit ist grausam. Da spielt die Kirche eine wichtige Rolle.
Ich weiß gar nicht ob das die Rolle der Kirche ist. Ich kann mir auch vorstellen, dass es andere Sinnangebote gibt und Moralsysteme, die auch schlagend werden könnten. Aber dass wir menschlich so verrohen, sagen wir es einmal so, diese an sich selbstverständlichen Gesten der Mitmenschlichkeit verlernen, und zwar einfach indem wir uns abschotten, indem wir die Fensterläden zumachen und Türen verschlossen halten, das ist furchtbar. Alles wirkliche Leben ist eigentlich Begegnung. Wir werden erst erkennen wie stark wir verarmt sind wenn es die Begegnungen nicht mehr gibt.
Ich glaube wir leben in einer Zeit ähnlich der Völkerwanderung. Genau so einen Wandel machen wir derzeit durch. Und wir alle wissen nicht, in welche Richtung es geht. Weder die Christen noch die Muslime noch die USA, China. Deshalb muss ich mit einer inneren Sicherheit zuerst einmal selber wissen, wer ich bin. Wenn ich das habe, kann ich in Dialog treten und mich mit anderen austauschen. Leider haben wir ein relativ unreflektiertes Leben in der breiten Masse.

Vielen herzlichen Dank für das Gespräch!

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